Reichenberger Kiez

KREUZBERGER ERKLÄRUNG

Vieles, was Berlin und Bezirke wie Kreuzberg attraktiv macht, ist Gewachsenes – oftmals unter schwierigsten Bedingungen. Es geht um alte Arbeiterbezirke mit einer dem Zweck entsprechenden Architektur, durch die der Grundstock für Berliner Besonderheiten gelegt wurde, zum Beispiel Wohnen und Arbeiten in unmittelbarer Nachbarschaft. Die Struktur überlebte in Kreuzberg mit der Bewegung gegen die städtische Neuordnung durch Sanierung mit der Abrissbirne und als Probierfeld für alternative Lebensweisen, aber immer neben und mit dem ursprünglichen Kreuzberger. Als die Häuser marode und unattraktiv waren, waren es die Stadtteile Kreuzberg, Neukölln und Wedding, in denen sich die Einwanderer der Ersten Generation vor 40 Jahren ansiedeln „durften“.

Hier entwickelte sich die Multikulturalität, welche die Stadt Berlin eben auch so attraktiv macht, obwohl das Miteinanderleben zwischen „Alteingesessenen“ und „Zuzüglern“ nicht immer einfach war. Neben städtebaulichen Verbesserungsmaßnahmen hat sich in Reaktion auf etwaige pädagogische Problemstellungen in den sozialen Brennpunkten Berlins in den vergangenen Jahrzehnten eine pädagogische Fachlichkeit auf der Grundlage einer lebenswelt-orientierten Pädagogik etabliert und viel zu einer weiteren Attraktivitätssteigerung beigetragen.

Zu begrüßen ist in der Tat eine stärkere Durchmischung bisheriger „Problemkieze“, nur leider passiert das heute zunehmend auf der Basis einer Verdrängung von einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen wie allein Erziehenden, kinderreichen Familien oder Familien mit Migrationshintergrund. Soziale Brennpunkte in Kreuzberg – aber nicht nur hier, in die in den vergangenen Jahren viel in die Verbesserung der Lebensbedingungen, u.a. auch in die Fachlichkeit der Jugendhilfe zur Überwindung von Problemen, investiert wurde – sind nun Ziel derer, die in zunehmend attraktiven Innenstadtbereichen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln ihre Zukunft sehen wollen. Dies geschieht auf Kosten einer Verdrängung von Menschen wie Familien mit Kindern und alten Menschen, denen die finanziellen Mittel nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen.

Niemand zählt die tatsächliche Zahl von Zwangsräumungen auf Initiative der Vermieter (Schätzungen gehen von ca. 22 Zwangsräumungen pro Tag in Berlin aus) und von Zwangsumzügen in Folge der Aufforderung zur Senkung der Kosten der Unterkunft durch JobCenter oder Grundsicherungsamt.  Auf der anderen Seite gibt es nur rein statistisch eine ausreichende Anzahl von Wohnungen, die im Rahmen der Kosten der Unterkunft gemäß SGB II und XII als angemessen eingestuft würden. Tatsächlich sind viele dieser Wohnungen nicht am Markt. Und wenn, dann nicht im Innenstadtbereich, sondern in der Peripherie Berlins.

Wir warnen vor den Folgen einer Traumatisierung von Kindern und Jugendlichen durch Zwangsumzüge und Zwangsräumungen. Wir befürchten eine Zunahme an Konflikten der so betroffenen Kinder und Jugendlichen mit „versagenden“ Eltern, die es nicht geschafft haben, ihrer Familie die Wohnung und das Wohnumfeld zu erhalten: Mit vertrauter Schule, vertrauten Freunden und Nachbarn und vertrauten Jugendhilfeeinrichtungen – mit auf sie zugeschnittenen Angeboten in Bildung und Qualifizierung, von denen sie durch Zwangsumzug und Zwangsräumung abgeschnitten werden.

Wir sehen teilweise im Fall junger Menschen mit Migrationshintergrund sogar einen wiederkehrenden Verlust von „Heimat“. Wir möchten Sie auf die Gefahr einer Gettoisierung und Konzentration von besonderem pädagogischem Bedarf in darauf nicht vorbereiteten Stadtteilen, wohin die augenblicklichen Verdrängungsmechanismen zielen, aufmerksam machen. Anzumerken ist hier, dass das Erkennen der Bedarfe, die Planung und Umsetzung von Angeboten immer eine gewisse Zeit und erhebliche finanzielle Mittel in Anspruch nahmen.

Vor diesem Hintergrund stellen wir die folgenden Forderungen:

 

  • Einführung von Schutzmechanismen gegen die Verdrängung von einkommensschwächeren Mietergruppen: Mietpreisbindung, Milieuschutzsatzung o.ä.
  • Aussetzung aller Zwangsräumungen, besonders im Fall von Familien mit Kindern und alten Menschen
  • Rückkehr zu einer Rechtssprechung, die berechtigte Schutzinteressen von Mietern berücksichtigt – zum Beispiel durch eine Auflage, dass Kündigungen zurückgenommen werden, wenn Mieter Mietrückstände beglichen haben.

 

Das Miteinander aller Einkommensgruppen, aller Lebensentwürfe, aller Generationen, vieler Kulturen ist Grund dafür, warum Berlin Berlin ist und warum Berlin attraktiv ist. Kreuzberg wirkt hier als Leuchtturm.

 

Die Sozialraum-AG IV (nach § 78 KJHG), Friedrichshain-Kreuzberg, 13. Mai 2013

 

Vereine und Initiativen

1. Alia Mädchenzentrum

2. Alte Feuerwache e.V.

3. Bildungsteam Berlin Brandenburg e.V.

4. Cabuwazi Kreuzberg

5. Expedition Metropolis e.V.

6. Evin e.V.

7. Fixpunkt e.V.

8. Impulse Berlin

9. JaKus gGmbH

10. Jugendhaus Chip (Paul-Gerhardt-Werk)

11. Jugendeinrichtung Kreuzer (Paul-Gerhardt-Werk)

12. Kinderbauernhof am Mauerplatz e.V.

13. Kurdistan Kultur- und Hilfsverein e.V.

14. Lebenswelt gGmbh

15. Nachbarschaftshaus Centrum e.V.

16. Nachbarschaftshaus Urbanstraße e.V. (Kreuzberger Stadtteilzentrum und GEKKO Stadtteilarbeit)

17. Nadeshda e.V.

18. Neue Musikschule Berlin

19. Offene Jugendarbeit in der evangelischen Martha-Gemeinde

20. Praktische Pädagogik e.V.

21. Rahel Schweikert und Andreas Teuchert, Kiezwandler in Kreuzberg (TT-Initiative)

22. Regenbogenfabrik Block 109 e.V.

23. Stadtteilmütter und Stadtteilväter in Kreuzberg, Diakonisches Werk Berlin-Stadtmitte e.V.

24. T.E.K. Jugendladen

25. Vista gGmbh

26. ZIK (Zuhause im Kiez) gGmbh

 

 

Einzelpersonen

1. Kim Archipova

2. Peter Augner (ehem. Sozialarbeiter im “Sozialpädagogischen Dienst” Kreuzberg)

3. Fatma Celik

4. Karl-Josef Konermann

5. Karl Köckenberger

6. Ute Markowski (Jugendberaterin Kompetenzagentur)

7. Felicitas Klische

 

 

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